Für Tierfreunde im besten Alter

Taubensport ist Taubenmord: Der Flug der Brieftauben in den Tod

Taubensport ist Taubenmord: Der Flug der Brieftauben in den Tod

Ein Gastbeitrag von Bettina Schneider.

Er hatte seit Ewigkeiten nichts mehr gegessen oder getrunken.

Er war erschöpft, zu Tode erschöpft.

Seine entzündeten Gelenke und Sehnen schmerzten mehr als die klaffende Wunde an der Brust. Blut lief an seinen Beinen herunter.

Sein Körper war Schmerz. Er war Schmerz.

Er hatte versagt und den Weg zurück nicht mehr gefunden. Diesmal war die Strecke einfach zu lang, die man von ihm forderte, wenn er das Liebste auf der Welt jemals wiedersehen wollte.

Verzweifelt schloss er die Augen. Er hatte alles gegeben.

Er war geflogen, bis er wie ein Stein vom Himmel fiel.

Er war sogar noch weitergeflogen, als er sich an den Drahtseilen verletzte, die für ihn unsichtbar waren.

Er war geflogen … immer weiter und weiter … weil er sich sehnte. Mit jeder Faser seines Herzens sehnte er sich nach seiner Gefährtin, der er lebenslang verbunden war.

Die ihn jetzt mehr denn je brauchte, denn gestern erst hatte sie ein Ei gelegt. Er wurde gewaltsam zum „Witwer“ gemacht.

Man hatte sie getrennt. Im Taubensport, wo er zu Wettkämpfen verdammt wird, die er niemals freiwillig bestreiten würde, nutzt man diese Liebe, um Höchstleistungen von den gewaltsam getrennten Partnern zu erhalten.

Ihre Verzweiflung ist der Gewinn des Taubenzüchters.

Die Taube verliert immer … selbst, wenn sie den Wettbewerb gewinnt.

Er hatte sie noch rufen hören, als er im Korb eingesperrt und wegtransportiert wurde.

Ihre Stimme hätte er aus Tausenden wiedererkannt.

Aber der Korb war fest verschlossen.

Er war jetzt Witwer auf einer Reise.

„Witwermethode“

Witwer, so nennt man im Taubensport die Vögel, die buchstäblich ihr Leben geben, um wieder zu ihrem Zuhause, ihrem Partner oder ihren Kindern zurück zu finden.

Dafür werden sie trainiert.

Weggesperrt, im Dunkeln gehalten, zum Fliegen gescheucht, gezwungen, aussortiert, ermordet und der Willkür der Taubenzüchter überlassen, für die das Tierschutzgesetz scheinbar nicht gilt.

Tradition …

Etwa die Hälfte der unfreiwilligen Witwer stirbt bei dem Versuch, wieder nach Hause zu finden.

Ein Teil der armseligen „Sportler“ wird von Greifvögeln gerissen, verletzt sich oder landet in fremden Städten, wo der Tod etwas länger dauert, denn dort gibt es kein artgerechtes Futter, sondern nur Verachtung und Tritte.

In meinen Augen würde diese Verachtung jemand anderem gebühren (~Anmerkung der Verfasserin)

Er versuchte die Flügel zu bewegen. Er musste jetzt einfach fliegen, sonst würde er sie nie mehr wiedersehen.

Er öffnete mühsam die Augen und mobilisierte ein letztes Mal die lahmen und müden Flügel.

Nach Hause. Nach Hause zu ihr, zu seinem Nest, zu seinem Ei, wo er hingehörte.

Er wollte nicht allein in dieser feindlichen Umgebung sterben.

Tauben sind treu … ein Leben lang und einem Partner.

Daher schaffte er das Unmögliche.

Irgendwann am Abend lag er kraftlos im Hof.

In der Ferne hörte er sein Täubchen sehnsüchtig nach ihm rufen.

Jetzt war er in Sicherheit. Alles war gut.

Erleichtert ließ er den Kopf auf die Brust sinken.

Gleich würde er endlich in sein Nest fliegen dürfen.

Ihr Ruf war das Letzte, was er hörte, als ihn sein Besitzer aufhob, die Schäden an den Flügeln prüfte und ihm dann mit einem Ruck den Kopf umdrehte.

Wertlos.

Diese Taube wird keinen Wettbewerb mehr fliegen, kein Geld und keine Urkunden einbringen.

Weg damit.

Morgen kommt eine neue Lieferung.

——

Wer glaubt, diese Geschichte wäre übertrieben, dem lege ich diesen Artikel über Brieftauben ans Herz.

Was wissen Sie eigentlich über den Taubensport, über Wettflüge und Trainingsmethoden?

Wüssten die Menschen all das, dann wäre es längst verboten.

Tierquälerei ist kein Sport!

 

Über Bettina Schneider

Die ehemalige Flugbegleiterin konnte sich durch ihren Beruf ein Bild über die Lebensbedingungen von Tieren in aller Welt machen. Dabei ist ihr viel Leid und Elend begegnet.

(c) privat / Bettina Marie Schneider

Heute schreibt die engagierte Tierschützerin in ihrem eigenen Blog „Gutes Karma to go“ über die facettenreichen Themen des Lebens. Darüber hinaus bloggt sie für die Huffington Post und das Schweizer Magazin 50+.

Doch Bettina Schneider tut noch mehr: Sie packt an und hilft syrischen Flüchtlingen, ihren Familien und ihren Tieren. Mit dem von ihr gegründeten Verein „Frieden für Pfoten – Peace4Paws“ hilft sie, wo immer es möglich ist – danke, Bettina!