Portrait Jesus

Glaube ist etwas sehr Persönliches. Mit den Religionen der Welt beschäftigen sich die Menschen seit Tausenden von Jahren. Für einige ist der Glaube ein Halt im Leben, für andere sind es philosophische Denkansätze, und wieder andere bevorzugen ein atheistisches Leben.

Im christlichen Glauben ist das Gebot der Nächstenliebe ein zentraler Aspekt: Gläubige Christen begegnen ihrem Umfeld mit unvoreingenommener Zugewandtheit. Bei dem Grundsatz handelt es sich um ein alttestamentliches Gebot, das Jesus Christus im Neuen Testament bekräftigt und sogar um die Feindesliebe erweitert. Zahlreiche Bibelstellen weisen darauf hin, dass Jesus auch Tieren mit Nächstenliebe begegnete und sich gegen Tierquälerei aussprach.

Der historische Jesus sprach sich gegen das Quälen und Töten von Tieren aus. War diese Art des Mitgefühls im Frühchristentum noch gängige Praxis, veränderten sich die Werte, als sich das Christentum in das Römische Reich ausbreitete. [1]

Vegane Lebensweisen in der Vormoderne

Es gibt verschiedene Definitionen des Veganismus – doch alle basieren auf demselben Konzept: Kein Lebewesen soll – insbesondere für Nahrung – verletzt oder getötet werden. Weder im Altgriechischen noch im Lateinischen existiert das Wort „vegan“. Doch auch im Englischen und Deutschen gibt es die Bezeichnung für eine tierfreie Ernährungs- und Lebensweise erst seit 1944, als sich die die erste Vegan Society bildete. Das Konzept gibt es jedoch bereits seit der Antike. Der Sanskrit-Begriff „Ahimsa“ bezieht sich auf das Nicht-Verletzen von empfindungsfähigen Lebewesen; diese Einstellung findet sich in östlichen Religionen wie dem Buddhismus und Hinduismus wieder. [1] Die Vegan Society betonte, dass es bei Veganismus nicht um Reinheit ginge, sondern um Mitgefühl mit der Absicht, so weit wie möglich und umsetzbar die Ausbeutung und Grausamkeiten gegenüber Tieren für Nahrung, Kleidung und andere Zwecke auszuschließen. [2]

Lebte Jesus vegan?

Die Evangelien des neuen Testaments können nicht beantworten, ob sein Mitgefühl und seine Tierliebe so ausprägt war, dass Jesus vegan lebte. Vielmehr sind sie widersprüchlich: So sagt Jesus, dass Gott nicht einmal einen Sperling vergesse, (Lukas 12:6), doch Jesus verteilt auch Fisch an Tausende Jünger (Johannes 6:11). Die Evangelien sind jedoch keine historischen Belege für das Leben Jesu, stattdessen können sie Hinweise auf das tatsächliche Geschehen liefern. [3]

Mensch liest Bibel

Die Frage, ob Jesus vegan war, kann nicht eindeutig geklärt werden. Die Kontroverse über den Vegetarismus im Frühchristentum, das Zeugnis des Judenchristentums und die Verurteilung Jesu von Tieropfern kann jedoch Hinweise liefern und aufzeigen, wie der christliche Glaube mit Empathie gegenüber allen Lebewesen verbunden ist. Denn all diese Punkte weisen auf eine einzige Schlussfolgerung hin: Jesus und die frühen Christen lehnten Gewalt gegen Tiere ab – doch die spätere Kirche gab diese Lehre auf.

Kontroversen im Frühchristentum

Die Kontroversen über den Verzehr von Fleisch und Tieropfer in der frühen Kirche deuten darauf hin, dass die Praxis des Mitgefühls für Tiere Teil der ursprünglichen Lehre war. Bei der Christianisierung des Römischen Reichs ging dieser Grundsatz jedoch verloren. In den Briefen des Paulus (Galater 1-2, Römer 14 und 1. Korinther 8-10), die von einem Mitglied der frühen Kirche geschrieben wurden, wird das Thema von beiden Seiten beleuchtet: Für Paulus ist eine vegetarische Lebensweise in Ordnung – er scheint sogar selbst Vegetarier gewesen zu sein. Doch eine vegetarische Ernährung sollte seiner Ansicht nach keine Voraussetzung für die gesamte Bewegung sein.

In den Galaterbriefen (1-2) beschreibt Paulus eine Diskussion mit Jakobus, Petrus und Johannes. Es ist nicht eindeutig, worum es bei der Meinungsverschiedenheit geht, aber es geht um Essen, den „Tisch der Heiden“. In seinen Briefen an die Römer und die Korinther äußert sich Paulus klarer: Tieropfer und das Essen von Fleisch seien in Ordnung; sogar Fleisch, das heidnischen Götzen geopfert wurde, aber er rät auch zur Diplomatie im Umgang mit Vegetariern. (Römer 14, 1. Korinther 8-10)

„Der eine glaubt, er dürfe alles essen. Der Schwache aber isst kein Fleisch.“

– Römer 14:3

„Alles, was auf dem Fleischmarkt verkauft wird, das esst, und prüft es nicht um des Gewissens willen.“

– 1. Korinther 10:25

Diese Aussagen sind ein Zeichen dafür, dass es Gläubige gab, die sich nur von Gemüse ernährt haben und den Kauf von Fleisch aus Gewissensgründen hinterfragt haben. Gleichzeitig lässt sich erkennen, dass seine Zuhörerschaft größtenteils aus wohlhabenden Korinthern bestand, die es sich leisten konnten, regelmäßig Fleisch zu essen.

Das antike Rom war sehr ungleich; der Großteil der Bevölkerung lebte am Existenzminimum. Die meisten Menschen im Mittelmeerraum lebten zu dieser Zeit überwiegend vegan – eine andere Ernährungsweise konnten sie sich nicht leisten. [4] Fleisch und andere tierische Produkte wie Käse oder Eier waren im alltäglichen Leben nur für Reiche zugänglich, denn nur sie konnten sich diese Art von „Luxus“ regelmäßig leisten.

Die frühchristliche Bewegung war eine Bewegung von und für die Armen. Doch mit Paulus wurde die Botschaft über das ursprüngliche Publikum Jesu in die wohlhabenden Schichten weitergetragen. Einerseits war das ein Vorbote des späteren Erfolgs des Christentums, andererseits ein Hinweis darauf, dass die ursprünglich recht radikale Botschaft langsam verloren ging.

Kirchenfenster Paulus Petrus

Paulus war bewusst, dass die Ernährung ein kontroverses Thema ist, und er riet den Römern, die wählerischen Esser der frühen Bewegung nicht zu beleidigen:

„Ich weiß und bin gewiss in dem Herrn Jesus, dass nichts unrein ist an sich selbst; nur für den, der es für unrein hält, für den ist es unrein. […] Zerstöre nicht um der Speise willen Gottes Werk. Es ist zwar alles rein; aber es ist nicht gut für den, der es isst mit schlechtem Gewissen. 21 Es ist besser, du isst kein Fleisch und trinkst keinen Wein und tust nichts, woran dein Bruder Anstoß nimmt.“

– Römer 14:14, 20-21

Den Korinthern teilte Paulus mit, dass er selbst kein Fleisch isst – nicht aus ethischen Gründen, sondern um Streit zu vermeiden:

„Darum, wenn Speise meinen Bruder zu Fall bringt, will ich nimmermehr Fleisch essen, auf dass ich meinen Bruder nicht zu Fall bringe.“

– 1. Korinther 8:13

Für die Gegner des Paulus war die Entscheidung gegen Fleisch nicht nur eine persönliche Entscheidung, sondern Teil des Evangeliums – eine gute Nachricht für die Tiere. Während Paulus den Fleischkonsum von Gläubigen also von beiden Seiten beleuchtet, spricht er nicht darüber, ob Jesus Fleisch aß. Wenn Jesus Fleisch gegessen hätte, hätte Paulus den Streit zwischen den beiden Lagern beenden können, indem er die Entscheidung gegen Fleischkonsum in Frage gestellt hätte: „Wie könnt ihr etwas dagegen haben, Fleisch zu essen, wo doch unser Herr selbst Fleisch gegessen hat?“ [1] Dieses Argument brachte Paulus jedoch nie vor. Es ist somit sehr wahrscheinlich, dass Jesus kein Fleisch aß. Paulus wollte diese Entscheidung nur nicht zu einer Regel für alle Christen machen – ähnlich wie seine Idee, das Zölibat nicht für alle einzuführen.

Was uns die Bibel über ein tierfreundliches Leben sagt

Aus welcher Perspektive auch immer man die Bibel betrachtet, sie beinhaltet zahlreiche Hinweise auf ein tierfreundliches Leben. Empathische Menschen nahmen Tiere schon vor sehr langer Zeit als Lebewesen mit Rechten wahr. Das zeigen unterschiedliche Bibelstellen.

„Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so.“

– 1. Mose 1:30

„Aber Daniel nahm sich in seinem Herzen vor, dass er sich mit des Königs Speise und mit dem Wein, den dieser trank, nicht unrein machen wollte, und bat den obersten Kämmerer, dass er sich nicht unrein machen müsste. […]Da sprach Daniel zu dem Aufseher, den der oberste Kämmerer über Daniel, Hananja, Mischaël und Asarja gesetzt hatte: Versuch’s doch mit deinen Knechten zehn Tage und lass uns Gemüse zu essen und Wasser zu trinken geben. Und dann lass dir unser Aussehen und das der jungen Leute, die von des Königs Speise essen, zeigen; und danach magst du mit deinen Knechten tun nach dem, was du sehen wirst. Und er hörte auf sie und versuchte es mit ihnen zehn Tage. Und nach den zehn Tagen sahen sie schöner und kräftiger aus als alle jungen Leute, die von des Königs Speise aßen.“

– Daniel 1:8, 11-15

„Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.“

– Jesaja 65:25

„Frage doch das Vieh, das wird dich’s lehren, und die Vögel unter dem Himmel, die werden dir’s sagen, oder die Sträucher der Erde, die werden dich’s lehren, und die Fische im Meer werden dir’s erzählen. Wer erkennte nicht an dem allen, dass des HERRN Hand das gemacht hat, dass in seiner Hand ist die Seele von allem, was lebt, in seiner Hand auch der Geist im Leib eines jeden Menschen?“

– Hiob 12:7-10

„Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs; aber das Herz der Gottlosen ist unbarmherzig.“

– Sprüche 12:10

„Singet umeinander dem HERRN ein Danklied und lobt unsern Gott mit Harfen, […] der dem Vieh sein Futter gibt, den jungen Raben, die ihm zurufen.“

– Psalm 147

„ An jenem Tage will ich einen Bund für sie schließen mit den Tieren auf dem Felde, mit den Vögeln unter dem Himmel und mit dem Gewürm des Erdbodens und will Bogen, Schwert und Rüstung im Lande zerbrechen und will sie sicher wohnen lassen.“

– Hosea 2:20

„Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes / und dein Recht wie die große Tiefe. HERR, du hilfst Menschen und Tieren.”

– Psalm 36:7

Veganes Leben im Judenchristentum

Später im zweiten, dritten und vierten Jahrhundert gab es die judenchristlichen Ebioniten. Diese Gruppe früher Christen war dem jüdischen Gesetz, wie Jesus es interpretierte, treu. Sie verachteten die Ansichten des Paulus, lehnten Tieropfer ab und aßen kein Fleisch. [5] Sie übernahmen also die Ansichten der vegetarischen Gegner des Paulus in der frühen Kirche. Die Ebioniten glaubten, dass Jesus gekommen war, um Tieropfer abzuschaffen. Sie waren strenge Vegetarier und weigerten sich, Fleisch zu essen: Das Essen von „totem Fleisch“ war für sie Essen am Tisch der Dämonen (Homilien 7.4, 7.8), und den Anhängern Jesu wurde geraten, nicht am Tisch der Dämonen zu essen. Die Ebioniten hielten ihn für einen Abtrünnigen vom Gesetz und identifizierten sich mit seinen Gegnern in der frühen Kirche – Jakobus, Petrus und Johannes. Sie glaubten, dass Jakobus, der Bruder Jesu, der Leiter der frühen Gemeinde war. Jakobus galt allgemein als strenger Vegetarier und wurde tatsächlich als Vegetarier erzogen. (Eusebius, 2.23.5-6)

Im Frühchristentum waren Jakobus‘ Ansichten wahrscheinlich normativ. Da Jakobus sich weigerte, Wolle zu tragen, ging sein Mitgefühl für Tiere über die Ernährung hinaus. Die frühen Christen waren abgestoßen von den öffentlichen Zurschaustellungen und Tötungen von Tieren im römischen Kolosseum. Sie protestierten gegen den „Wahnsinn des Zirkus“ und „die Gräueltaten der Arena“. (Tertullian, Apologeticum 38)

Schafe

Einsatz Jesu für die Tiere

Früher konnten sich die Armen keine tierischen Produkte leisten. Sie hatten nur zu Festzeiten Zugang zu Fleisch, wenn Tiere geopfert wurden. Aus diesem Grund ist die jüdisch-christliche Ablehnung von Tieropfern höchst bedeutsam. Im Evangelium der Ebioniten lehnt Jesus entrüstet das Passahfleisch ab und greift das Tieropfer an, indem er sagt:

„Ich bin gekommen, um die Opfer abzuschaffen, und wenn ihr nicht aufhört, [Tiere] zu opfern, wird mein Zorn nicht von euch ablassen.“

Epiphanius, Panarion 30.16.5

In allen vier Evangelien gibt es Anzeichen dafür, dass Jesus tatsächlich versuchte, die Opfer abzuschaffen:

„Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb hinaus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler.“

– Matthäus 21,12 (Parallelen bei Markus 11,15-17, Lukas 19,45-46, Johannes 2,13-17)

Der Zorn Jesu richtete sich speziell gegen die Käufer und Verkäufer von Tieren. Die praktische Auswirkung dieser Konfrontation war, das Tieropfergeschäft zu stören – und sowohl die zu opfernden Tiere als auch diejenigen, die sie kauften oder verkauften, zu vertreiben. Dieses Handeln war ein Akt der Tierbefreiung.

Nicht nur die Unstimmigkeiten zwischen Paulus und der Leitung der frühen Gemeinde zeigen, dass die Behandlung von Tieren kontrovers war. Mit seinem Handeln im Tempel zeigte Jesus, dass er nicht nur selbst das Prinzip von Tieropfern ablehnte, sondern auch bereit war, dafür zu sterben. Dieser Vorfall im Tempel führte nämlich zu seiner Verhaftung und Kreuzigung. [1]

Mit dieser Tat zeigte Jesus sein Mitgefühl für Tiere deutlicher als jede der Lehren der modernen Kirche. Jesus zeigte sich immer wieder als Tierfreund, der sich für alle Lebewesen einsetzte. Nach heutiger Auffassung kann Jesus als Veganer bezeichnet werden. Wenn wir den Lehren Jesu treu sein wollen, müssen wir diese Botschaft des Mitgefühls weiter verbreiten [1] – denn Tiere verdienen als fühlende Lebewesen Respekt wie wir Menschen.

Was Sie tun können

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Quellen

[1] Keith Akers (2021): Was Jesus Vegan? These Bible Verses Suggest So, https://www.petalambs.com/features/was-jesus-vegan-heres-what-the-bible-says/, (eingesehen am 24.03.2021)

[2] International Vegetarian Union (1951): Veganism Defined, in: The Vegetarian World Forum, No. 1 Vol. 5 - SPRING 1951 pp. 6-7, https://ivu.org/history/world-forum/1951vegan.html, (eingesehen am 24.03.2021)

[3] Wengst, Klaus: Historisch wenig ergiebig und theologisch sinnlos. Fünf Anmerkungen zur historischen Jesusforschung, https://www.evangelische-aspekte.de/historische-jesusforschung/, (eingesehen am 24.03.2021)

[4] Andrew McGowan (1999): Ascetic Eucharists, pp. 35–45

[5] Detering, H. (2018); Die Gegner des Paulus – Judaistenthese 2. Jahrhundert, http://radikalkritik.de/wp-content/uploads/2018/10/Pauusgegner_J2J.pdf, (eingesehen am 24.03.2021)

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