Es ist weithin bekannt: In der Tierhaltungsindustrie werden Unmengen von Antibiotika verabreicht – allein in Deutschland waren es 2019 über 670 Tonnen. [1] Nur durch diesen massenhaften Einsatz an Medikamenten können Tiere in der Agrarindustrie das kurze, entbehrungsreiche Leben in den riesigen Produktionshallen überhaupt überleben. Doch diese Praxis birgt ein hohes gesundheitliches Risiko, denn aus den Tierställen können resistente Keime über tierische Produkte und Gülle in die Umwelt gelangen – und damit die Wirksamkeit von Antibiotika beim Menschen gefährden.

In der landwirtschaftlichen Tierhaltung werden seit Jahrzehnten Antibiotika eingesetzt – zum Beispiel, um ausgebrochene Krankheiten zu behandeln. [2] Die WHO warnt seit Langem davor, dass ein unregulierter Antibiotikaeinsatz zu steigenden Resistenzen führt und Antibiotikaresistenzen 100 Jahre medizinischen Fortschritts zunichtemachen könnten. [3]2015 starben in Europa mehr als 30.000 Menschen an einer Infektion mit multiresistenten Keimen; besonders betroffen sind in der Regel Kinder unter einem Jahr, ältere Patienten über 65 Jahren [4] und Menschen mit geschwächtem Immunsystem.

Resistente Erreger durch falschen Umgang mit Antibiotika

Resistente Bakterien entstehen hauptsächlich durch den falschen Umgang mit Antibiotika. Wenn ein Antibiotikum zu häufig, zu kurz oder zu niedrig dosiert verabreicht wird, verändern krankheitserregende Bakterien ihr Erbgut, sodass sie gegenüber dem Antibiotikum unempfindlich werden. Die Erreger überleben die Behandlung und vererben ihre Widerstandsfähigkeit weiter. Bakterien, die gegen viele Antibiotika resistent sind, werden als multiresistente Erreger bezeichnet. Derartig veränderte Bakterien sind insofern gefährlicher, als sie sich schwerer behandeln lassen, da nur noch wenige Antibiotika gegen die Erreger wirksam sind. [5]

antiobiotika

Was die landwirtschaftliche Tierhaltung mit Antibiotikaresistenzen zu tun hat

Der Einsatz antibiotisch wirkender Medikamente in der landwirtschaftlichen Tierhaltung führt nachweislich zu Resistenzen. Auch Reserveantibiotika, die eigentlich für die Behandlung von Menschen gegen immune Erreger zurückgehalten werden, kommen in Tierfabriken zunehmend zum Einsatz. [1] Allein in der deutschen Tierindustrie werden jedes Jahr Hunderte Tonnen Antibiotika verabreicht. Ohne diesen massiven Einsatz von Medikamenten würden viele Tiere die kurze „Nutzungsdauer“ meist nicht überleben. Das liegt zum einen an den auf Leistung und nicht auf Gesundheit gezüchteten Tieren, zum anderen an den unhygienischen Zuständen und der mit Ammoniak verseuchten Stallluft in vielen Anlagen. Artwidrige Haltungsbedingungen verschärfen das Problem weiter. Für einen möglichst hohen Profit leiden Millionen Tiere im grausamen System der Tierindustrie auf engstem Raum unter Verstümmelungen und zuchtbedingten gesundheitlichen Problemen. [6] Die allermeisten Tiere dürfen sich niemals unter freiem Himmel aufhalten und können demnach auch eine Vielzahl ihrer natürlichen Verhaltensweisen nicht ausleben. Schlimmer noch: Die Tiere leiden unter der reizarmen Umgebung an ständiger Eintönigkeit und Unterforderung. All dies sind Ursachen für Erkrankungen, gegen die dann Antibiotika eingesetzt werden.

Schweinemast Holzekamp

In der Eierindustrie beispielsweise leben Hühner in überfüllten, unhygienischen Mastanlagen und sind damit einem sehr hohen Infektionsdruck ausgesetzt. Landwirte verabreichen den Tieren daher verhältnismäßig große Mengen an Antibiotika. Sie müssen den Behörden zwar melden, welche Antibiotika sie verwenden, doch veröffentlicht werden diese Daten nicht. [7, 8] Aufgrund von Überzüchtung leiden viele Tiere unter den gesundheitlichen Folgen eines massiven Fleischansatzes oder einer unnatürlich hohen „Legeleistung“. Auch in diesen Fällen kommen teilweise Antibiotika zum Einsatz. Dabei werden jedoch nicht nur einzelne, wirklich kranke Tiere behandelt, sondern über die Nahrung oder das Trinkwasser fast immer der gesamte Tierbestand [9]. Angesichts der meist hohen Belegung der Ställe mit Zehntausenden von Hühnern breiten sich krankmachende Keime sehr schnell aus und Resistenzen können sich besonders gut entwickeln. [1]

Tierische Produkte, Gülle und Stallluft übertragen Keime und Antibiotika in die Umwelt

Über tierische Produkte wie Fleisch, Milch und Eier können resistente Keime in die Umwelt und auf den Menschen übertragen werden. Antibiotikarückstände oder resistente Keime gelangen über die Gülle als Dünger auf die Ackerflächen und können sich so fast ungehindert in der Umwelt ausbreiten. [10] In Pulverform verabreichte Antibiotika können ebenso wie resistente Keime über die Stallluft und Abluftfilterung in die Umgebung von Stallanlagen gelangen. [11, 12] Besonders gefährlich und weit verbreitet ist die Entwicklung von Methicillin-resistenten Staphylokokken (MRSA) in Geflügel- und Schweinebetrieben: Mittlerweile ist etwa jedes zweite Stück Fleisch mit den Keimen belastet. [13] Es ist offensichtlich: Mit dem massenhaften Einsatz von Antibiotika versucht die Tierindustrie nicht nur, die systembedingte Tierquälerei in Zucht- und Mastanlagen fortzuführen, sondern setzt zudem Menschenleben aufs Spiel.

Was Sie tun können

  • Informieren Sie sich über die Missstände in der landwirtschaftlichen Tierhaltung.
  • Klären Sie Freunde, Bekannte und Verwandte über das millionenfache Tierleid und die gesundheitlichen Risiken auf, die mit dem Konsum tierischer Produkte verbunden sind.
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Quellen

[1] Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (2020): Abgabe an Antibiotika in der Tiermedizin sinkt weiter, https://www.bvl.bund.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/05_tierarzneimittel/2020/2020_07_29_PI_Antibiotikaabgabe.html, (eingesehen am 01.02.2021)

[2] Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit: Antibiotikaresistenzen bei Lebensmittel liefernden Tieren, https://www.bvl.bund.de/DE/Arbeitsbereiche/05_Tierarzneimittel/02_Verbraucher/03_Antibiotikaresistenzen/03_Lebensmittel_liefernde_Tiere/Lebensmittel_liefernde_Tiere_node.html, (eingesehen am 01.02.2021)

[3] WELT.de (2019): WHO warn vor falsch eingesetzten Antibiotika, https://www.welt.de/wissenschaft/article195527397/Antibiotikaresistenz-WHO-warnt-vor-falsch-eingesetzten-Antibiotika.html, (eingesehen am 01.02.2021)

[4] Ärztezeitung: 33.000 Tote pro Jahr durch resistente Keime, https://www.aerztezeitung.de/Medizin/33000-Tote-pro-Jahr-durch-resistente-Keime-226155.html, (eingesehen am 26.01.2021)

[5] Patienten-Information.de (2019): Multiresistente Erreger – was Sie darüber wissen sollten, https://www.patienten-information.de/kurzinformationen/multiresistente-erreger, (eingesehen am 01.02.2021)

[6] Fromm, Kathrin (2020): Eine Frage der Haltung, https://www.zeit.de/2020/37/massentierhaltung-tierschutz-landwirtschaft-lebensmittelindustrie, (eingesehen am 27.01.2021)

[7] Höfler, Norbert (2019): Hühner bekommen immer häufiger Antibiotika – wasdas für den Menschen bedeuten kann, https://www.stern.de/gesundheit/ernaehrung/huehner-werden-oft-mit-antibiotika-behandelt---was-das-fuer-den-menschen-bedeuten-kann-8646850.html, (eingesehen am 01.02.2021)

[8] Baars, Christian & Lambrecht, Oda (2017) : Geflügelmast_ Hoher Einsatz von Reserveantibiotikum, https://www.ndr.de/ratgeber/gesundheit/Gefluegelmast-Hoher-Einsatz-von-Reserveantibiotikum,colistin100.html, (eingesehen am 01.02.2021)

[9] BfR Bundesinstitut für Risikobewertung: Fragen und Antworten zu den Auswirkungen des Antibiotika-Einsatzes in der Nutztierhaltung, https://www.bfr.bund.de/de/fragen_und_antworten_zu_den_auswirkungen_des_antibiotika_einsatzes_in_der_nutztierhaltung-128153.html, (eingesehen am 26.01.2021)

[10] Albat, Daniela (2019): Antibiotika überstehen auch Biogasanlagen. In Gülle enthaltene Wirkstoffe bleiben trotz Gärprozessen stabil, https://www.scinexx.de/news/biowissen/antibiotika-ueberstehen-auch-biogasanlagen/, (eingesehen am 01.02.2021)

[11] Umweltbundesamt (2018): Antibiotika und Antibiotikaresistenzen in der Umwelt. Hintergrund, Herausforderungen und Handlungsoptionen, https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/479/publikationen/181012_uba_hg_antibiotika_bf.pdf, (eingesehen am 01.02.2021)

[12] Gärtner, A. et al. (2016): Emissionen aus Schweinemastanlagen – Untersuchungen zur Zusammensetzung der Bakteriengemeinschaft und Antibiotikaresistenz, https://www.lanuv.nrw.de/fileadmin/lanuv/luft/pdf/Gefahrstoffe_01-02_2016_X793-Gaertner.pdf, (eingesehen am 01.02.2021)

[13] NDR 1 Niedersachsen (2020): Studie: Hähnchenfleisch mit resistenten Keimen belastet, https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/Studie-Haehnchenfleisch-mit-resistenten-Keimen-belastet,antibiotikaresistent100.html, (eingesehen am 01.02.2021)

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